Ausgabe 10/2008 vom 10.11.2008

Initiative Global Networks will High-Tech-Unternehmen den Markteinstieg erleichtern

Mit Querdenken zu neuen Geschäftsmodellen

Mit der Satellitennavigation per GPS, Glonass oder in Zukunft auch Galileo lassen sich weit mehr Anwendungen umsetzen als die bisher bekannten wie etwa die Pkw-Navigation. Ideen dazu gibt es viele, zum Beispiel für die Dokumentation von Schadensfällen für Versicherungen oder Positionierungsaufgaben in der Logistik. Für viele Branchen entwickeln Navigationsspezialisten Ideen für Produkte und Anwendungen, in denen die Position des Akteurs oder eines Objekts in Echtzeit angezeigt wird und mit kontextbezogenen Informationen angereichert werden soll.

Die in diesem Jahr gegründete Initiative Navigation Global hat sich zum Ziel gesetzt, solche Produktideen, die die Satellitenpositionierung als Bestandteil aufweisen, zu fördern und daraus marktfähige Anwendungen zu machen. „Stellen Sie sich folgendes Szenarie vor“, sagt Patrizia Vivani, Gründerin der Initiative. „Sie steigen am Hauptbahnhof aus, der Kollege, der Sie zu einem wichtigen Kundentermin abholen sollte, steckt irgendwo fest. Jetzt brauchen Sie umgehend ein Auto. Die Zeit, eine Autovermietung aufzusuchen und dann erst noch lange die Verfügbarkeit eines geeigneten Fahrzeuges zu prüfen, haben Sie nicht.“ Mit einem Login und einem Passwort könnte sich der User online bei seiner Autovermietung aktivieren. Sämtliche verfügbaren Fahrzeuge im nächsten Umkreis würden angezeigt – inklusive Bild, Position, Kennzeichen, Standort. „Jetzt müssen Sie nur noch Ihre Wahl treffen. Das Handy führt Sie wie ein Navigationsgerät direkt zum gewählten Auto in Ihrem direkten Umfeld. Mit einem Zugangscode wird das Auto über Bluetooth geöffnet und schon starten Sie zu ihrem Kundentermin“, beschreibt Vivani. Am Ende werde das Auto einfach wieder an einer geeigneten Stelle abgestellt und über Bluetooth verschlossen. Damit sei der Mietvorgang abgeschlossen. Die Abrechnung erfolge über die Handyrechnung. Experten halten die technische Realisierung solcher Vorgänge innerhalb kurzer Zeit für sehr realistisch. Doch wie muss eine solche Lösung konkret aussehen? Welche technologischen Bausteine müssen integriert werden? Für welche Dienste zahlt welcher Nutzer wie viel Geld und wie kann das Produkt vermarktet werden? Die Antworten auf diese Fragen sind nicht einfach, schließlich löst die Satellitennavigation eine Reihe komplexer Innovationsprozesse aus und schafft Rahmenbedingungen, die völlig neu sind.

Der Schlüssel zur erfolgreichen Marktentwicklung ist aus Perspektive der Initiative das Networking, also die branchen- und kompetenzübergreifende Zusammenarbeit. Gemeinsam mit dem strategischen Partner Multibo (Abkürzung für Multible Business Organisation) wurde dazu ein neuartiges Entwicklungsmodell kreiert. Technologieanbieter sollen von der Idee über die Suche nach Investoren bis zum Aufbau eines operablen Geschäfts begleitet werden. Vivani sieht darin nicht nur die Unterstützung der technischen Produktentwicklung, sondern die Begleitung für ein umfassendes Design einer marktreifen Lösung. Der Clou dabei: „Für alle Beteiligten entstehen im Vorfeld keine finanziellen Aufwendungen, erst wenn ein Produkt oder eine Idee aus allen Richtungen als markttauglich erachtet wird, wird daraus auch ein Projekt mit einem schlüssigen Finanzkonzept“, sagt Vivani.

Neue Technologien, erfordern neue Denkweisen und neue Finanzierungskonzepte, so könnte man die Leitidee der Initiative zusammenfassen. Die Vergütung der Partner könne etwa auf verschiedene Weise erfolgen. Jeder Partner könne entscheiden, ob er am Projekt beteiligt und einen dauerhaften Anteil der Produkterlöse bekommen möchte, oder sich einmalig für das erbrachte Auftragsergebnis auszahlen lassen möchte. Soweit die aus Sicht heute üblicher Marktpraktiken extrem liberale Vision. Steigt beispielsweise ein Investor mit einer größeren Summe in ein junges Unternehmen ein, sollen die Partner, die die Entwicklung des Unternehmens und des Produktes partnerschaftlich gefördert haben, auch finanziell partizipieren. Dies bringt ein erhöhtes Risiko der Partner mit sich, schließlich können Projekte auch scheitern und keinen Cash-Flow erzeugen. Mit dem neuartigen Modell für die Geschäftsentwicklung sollen aber auch die Chancen steigen, dass die Branche tragfähige Geschäftsmodelle und Produkte hervorbringt.

Im Oktober hat die Initiative ein erstes Event veranstaltet, bei dem nicht nur ein sogenannter Querdenker- Workshop abgehalten wurde, sondern auch erste konkrete Ergebnisse eines laufenden Projektes vorgestellt wurden, die die Satellitennavigation und andere Querschnittstechnologien in einen völlig neuen Zusammenhang brachte. „Im Moment existiert ein fertiges Produkt und erste Gespräche mit potenziellen Investoren werden bereits geführt“, sagt Vivani. Bei dem Produkt handelt es sich um eine moderne Datenbankplattform, die Inhalte verschiedenster Herkunft verarbeiten und miteinander in Beziehung setzen kann. So sollen beispielsweise Bilder, Videofilme, Dokumente, Geodaten oder Koordinaten zusammengeführt und – so eine Besonderheit der Software – auf jedem beliebigen mobilen Endgerät bereitgestellt werden.

Einsatz finden könnte die Plattform beispielsweise in dem eingangs von Vivani beschriebenen Szenario. „Für Investoren ist es dabei wichtig, dass eine klare Anwenderbranche adressiert wird,um so die Marktchancen der Innovation besser bewerten zu können“, sagt die Gründerin der Global Innovation- Initiative. Über das konkrete Produkt und die Herstellerfirma darf Vivani in der Öffentlichkeit allerdings noch nicht sprechen, da die Investoren-Gespräche noch andauern. In naher Zukunft sollen jedoch mehrere erfolgreiche Projekte öffentlich vorgestellt werden. Die Navigationsbranche wird dies sicher interessieren. Schließlich wird viel über GPS und Co. gesprochen. Erfolgreiche Projekte, die über die Pkw-Navigation hinausgehen, sind aber noch selten. (sg)




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